Immer wieder erlebe ich in der letzten Zeit – gewollt oder ungewollt – Situationen, die grotesker nicht sein könnten. Im Anschluss eine kleine Sammlung.

Ich arbeite momentan als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. Ich konnte meine beiden Kinder einige Wochen lang nicht in die Kita bringen. Ich sah mich mehrmals mit der Situation konfrontiert, etwas aus meinem Büro abholen zu müssen. Demgegenüber stand die Anordnung des Rektors, dass Kinder „unter keinen Umständen“ die Universität betreten dürfen. Und auch sonst sind Kinder momentan nicht gern gesehen; zum Beispiel durfte ich sie nicht mit in meine Hausarztpraxis nehmen, um ein Attest abzuholen. (Fehlen eigentlich nur noch Haken an der Hauswand zum Anleinen und der Hinweis „Wir müssen draußen bleiben“.) Ein Attest übrigens, das meine Hausärztin mir netterweise ausstellte und ohne das meine Kinder nicht die Möglichkeit erhalten hätten, die Kita-„Notbetreuung“ in Anspruch zu nehmen. Damit Mutti normal arbeiten kann, braucht sie in diesen Zeiten eine ärztliche Bescheinigung. Verrückte Welt. Und die Kinder? Sie werden (genau wie viele Arbeitnehmer) moralisch und tatsächlich diskriminiert und dürfen sich zur Wiedergutmachung in den nächsten Jahrzehnten mit den horrenden Schuldenbergen auseinandersetzen, die zur Zeit aufgetürmt werden.

Kürzlich bin ich mit meinen Kindern Zug gefahren. Das Abteil war – wie momentan meistens – relativ leer. Wir konnten ohne Schwierigkeiten Abstand von den anderen Fahrgästen halten. Der Fahrkartenkontrolleur war spürbar überfordert, wie er mit meinem maskenlosen Widerstand umgehen soll. Als sich eine Frau und ein Mann einmischen, dieses rücksichtslose Verhalten könne man nicht ohne Konsequenzen stehen lassen, zog er zögernd sein Handy aus der Tasche, um die Polizei zu rufen. Ließ es dann doch wieder. Mein kleiner Sohn fing an zu weinen und ich kümmerte mich um ihn. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass er in solche Situationen mit hineingezogen wird. Am Rande bekam ich mit, wie sich der Kontrolleur, der Mann und die Frau lauthals stritten. Ihre Masken rutschten ihnen immer wieder vom Gesicht und mussten hastig zurecht gezupft werden. Nach dem Ausstieg durfte ich mir von zwei bisher unbeteiligten jungen Typen anhören, ich sei eine „asoziale Kuh“. Alles vor meinen Kindern. Ich sagte den beiden kleinen, wir würden nun schnell zum Aufzug gehen. Im Aufzug der streitlustige Mann aus dem Zug, der uns plötzlich wohlwollend und inzwischen ohne Maske mit in den engen Fahrstuhl einlud. Mir waren inzwischen vor allem wegen der Kinder auch die Tränen gekommen, was der Mann mit vollstem Verständnis und einer „Ghettofaust“ quittierte. Es sei vollkommener Schwachsinn, was momentan passiert. Kinder müssten kuscheln dürfen und überhaupt… Es sei bekloppt. … Zur Zeit geschieht es mir häufig, dass Menschen im persönlichen Kontakt plötzlich ihre wahre Meinung zur aktuellen Situation kundtun.

Immer wieder werde ich von Menschen überrascht bis entsetzt angeschaut, wenn ich ihnen erzähle, dass meine beiden Kinder während des „Kita-Lockdowns“ so viel wie sonst nie bei meiner Mutter, ihrer Oma waren. Ja. Meine Mutter gehört zur Risikogruppe. Sie ist knapp 70, hatte vor einigen Jahren eine Lungenentzündung und vor einigen Monaten eine Herzmuskelentzündung. Sie ist anfällig für Infektionen. Ich liebe sie über alles und fände es unfassbar schrecklich, wenn ihr etwas passiert und ich mich im Zweifelsfall dafür verantwortlich fühlen würde. Ich glaube, sie hätte sehr darunter gelitten, ihre beiden Enkelkinder wochenlang nicht sehen zu dürfen. Und war sofort bereit, sie zu betreuen, während ich arbeite. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung unter den gegebenen Umständen zusammen mit der Wahrscheinlichkeit eines komplizierten oder gar tödlichen Verlaufs haben wir als so dermaßen gering eingestuft, dass das Zusammensein für uns kein einziges Mal mehr in Frage gestellt wurde.

Gerade die Menschen, die entsetzt darauf reagieren, dass ich der Oma-Enkel-Empfehlung nicht gefolgt bin, glänzen mit Aussagen wie: „Na ja, demnächst ist das alles wieder vorbei. Wenn erstmal gelockert wird, dann knuddeln wir uns wieder richtig.“

Solche Menschen sind es, die – wirklich so passiert – ungesund gebräunt, mit einer Kippe zwischen den Lippen und dem Mundschutz unterm Kinn im Freien eine Bank sorgfältigst desinfizieren, bevor sie sich setzen.

Ein Kommentar zu „Alltagsszenen

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