Laut Boris Palmer, dem Oberbürgermeister von Tübingen, kommen ein Drittel der Corona-Toten in Deutschland aus Alten- und Pflegeheimen. Durch folgendes Zitat hat er die Unterstützung seiner Partei verloren: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Er wollte damit auf die Unverhältnismäßigkeit der Coronamaßnahmen hinweisen und darauf, dass das Leben von Kindern vor allem aus Entwicklungsländern durch die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns bedroht ist. In der Folge stand sogar ein Ausschluss aus der Partei im Raum. Hat er so Unrecht? Im Pflegeheim leben die Menschen im Durchschnitt noch sechs bis acht Monate, bevor sie sterben. Und außerdem: Für viele alte Menschen ist es alles andere als ein leichter Schritt, ins Alten- und Pflegeheim gebracht zu werden. Und nun? Dürfen sie nicht einmal Besuch empfangen. Ach so, doch, dürfen sie wieder. Aber selbstverständlich ist körperlicher Kontakt tabu. Demenz hin oder her. Plexiglas, um alte und kranke Menschen von ihren Angehörigen zu trennen, ist sicher die richtige Maßnahme. Ja! Wir zeigen Solidarität! Wir lassen die „Risikogruppe“ isoliert vor sich hin vegetieren und schauen sie uns durch eine Scheibe an! Toll, dass alle mitmachen! Überhaupt steigt die zwischenmenschliche Solidarität momentan enorm. Das sieht man zum Beispiel an den „Black-Life-Matters“-Demonstrationen. Ein Schwarzer (darf man das noch sagen?) kommt in den USA bei einem Polizeieinsatz zu Tode. Das ist schlimm und muss natürlich bestraft werden. Aber: Müssen sofort auf der ganzen Welt Menschen zu zig Tausenden auf die Straße gehen? Corona… ach, wen interessiert denn jetzt Corona. Scheiß auf Abstand und Maske und die EINE Solidarität… Jetzt ist die ANDERE kurz wichtiger. Und um die deutlich genug zu zeigen, muss manchmal eben Gewalt angewendet werden… Meine Meinung: Die „BLM“-Demos zum jetzigen Zeitpunkt und in dieser Form waren der Witz schlechthin und die Teilnehmer der Großveranstaltungen, die nun plötzlich geduldet wurden, haben sich mehr als lächerlich gemacht. Genau wie Cem Özdemir, der zu den Massen bei den BLM-Demos folgendes twitterte: „Wichtig, dass heute so viele Menschen in Deutschland auf die Straße gehen. Vielen Dank! Ihr macht mir Hoffnung, dass wir als Gesellschaft stärker sein können als der Hass und dass wir Rassismus gemeinsam bekämpfen.“ Kurz vorher hatte er bezüglich der vorsichtig anlaufenden Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen folgendes gesagt: “Was nicht geht, ist, Mindestabstände nicht einzuhalten und Sicherheitsvorkehrungen gegen Ansteckungen zu ignorieren”. Im Notfall fordere er drastische Mittel, um die Maßnahmen durchzusetzen.

Thematisch passend hierzu erlebte ich im Zug kürzlich folgendes: Ein älterer und gehbehinderter Schwarzer verpasste beinahe seine Haltestelle und bat laut und deutlich darum, dass ihm jemand die Tür aufhält. Keiner rührte sich (Masken machen wohl taub). Ich hielt ihm die sich schon schließende Zugtür auf. Der vorbeikommende Kontrolleur hatte nichts besseres zu sagen, als mich auf meine fehlende Maske hinzuweisen. Na ja. Immerhin bedankte sich der ältere Mann draußen durch freundliches Winken. Und das, obwohl ich laut BLMlern doch mindestens Nazi bin. Außerdem gefährde ich wissentlich das Leben anderer durch mein maskenloses Gesicht. Ein offenbar gut situierter Kunde im Laden machte mich kürzlich blöd an, wenn ich unbedingt sterben wolle, sei das meine Sache. Ich würde jedoch durch mein rücksichtsloses Verhalten auch SEIN Leben aufs Spiel setzen. Aha. Ich glaube, ich hatte ihn trotz der bestimmt drei Meter Abstand richtig verstanden. Heute habe ich meinen wahrscheinlich krass kontaminierten Cityroller draußen an einem Café vergessen. Als ich anrief, er möge bitte reingenommen werden, damit ich ihn später abholen kann, musste dieser riskante Schritt zunächst mit dem Chef besprochen werden. „Wegen der Infektionsgefahr, das müssen Sie verstehen, sonst wäre das natürlich kein Problem.“ Ging dann doch.

Wir setzen uns also auseinander mit Regeln und Lockerungen und Ausnahmen von den Regeln und Ausnahmen von den Lockerungen und geplanten Lockerungen und geplanten Regeln und so weiter. Es ist verwirrend und oft widersprüchlich. Alle freuen sich, wenn „gelockert“ wird (ich schlage „Lockerung“ als Unwort des Jahres 2020 vor). Und dabei wird die Unverhältnismäßigkeit vergessen, die den ursprünglichen Regeln zugrunde liegt. Weil alle so schön zufrieden sind, fragt keiner nach einer Evaluierung des Ganzen (aus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht eigentlich ein absolutes MUSS!). Und so wird diese nicht geplant. Lieber wird weiter darüber berichtet, was das Coronavirus schlimmes auslösen kann. Vor allem, was Kinder betrifft, müssen schnell Symptome her, bevor der Ruf nach sofortigen Kita- und Schulöffnungen lauter wird. Also verbreitet man zum Beispiel die Information von Hautausschlägen, genauer gesagt von Covid-Zehen (schon dieser Begriff ist meiner Einschätzung nach lächerlich). Was verbirgt sich dahinter? Bei einigen der Kinder weltweit, die positiv auf das Coronavirus getestet waren, wurden gleichzeitig blaue Flecken an den Füßen entdeckt. Heilige Scheiße! Alarmstufe rot. Also: Am besten alle Schulen dicht, damit – etwas überspitzt formuliert – die Bildung von Kindern ausgeschlossen wird und sie, genau wie viele Erwachsene momentan, nicht lernen, selbst zu denken.

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